Erdogan zerstört die Demokratie Stein für Stein, und der Westen schaut tatenlos zu.
Die jüngsten Schritte des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Rahmen seiner Offensive gegen die Opposition offenbaren eine gefährliche Mischung aus Verzweiflung und politischem Kalkül, mit der er seine autokratische Kontrolle über den Staat ausweiten will. Seit Jahren geht Erdoğan gegen die Republikanische Volkspartei (CHP) vor, die einzige politische Kraft, die das Regime ernsthaft herausfordern kann. Die Verhaftungen von Schlüsselfiguren, darunter Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, und die Gerichtsentscheidungen zur Auflösung der Parteiführung stellen einen stillen und langwierigen Putsch gegen die demokratische Ordnung dar.
Während das Land auf die nächsten Ergebnisse dieser juristischen Offensive wartet, hat Erdoğan seinen Fokus auf Ankara verlagert, um die CHP daran zu hindern, einen aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten für 2028 aufzustellen. Je näher das theoretische Ende seiner Amtszeit rückt, desto aggressiver werden die Maßnahmen zur Lähmung der Opposition.
Die Methode hinter Erdoğans Strategie
Das Hauptziel ist die Festigung eines Einparteienstaates. Seit Herbst 2024 haben von der AKP kontrollierte Institutionen die Verhaftung hunderter CHP-Funktionäre, darunter hochrangiger Bürgermeister, angeordnet. İmamoğlu befindet sich acht Monate nach seiner Verhaftung weiterhin in Untersuchungshaft ohne formelle Anklage, während regierungsnahe Gerichte in Eile frühere Verurteilungen bestätigen.
Zusätzlich zum politischen Vorgehen hat die Regierung den Druck auf die Medien verstärkt. Im Sommer 2025 leiteten Gerichte neue Prozesse gegen unabhängige Journalisten ein, während prominente Fernsehpersönlichkeiten wie Fatih Altayli unter absurden Vorwürfen der „Bedrohung“ des Präsidenten verhaftet wurden, nur weil sie öffentlich Kritik geäußert hatten. Das Ziel ist klar: Niemand mit Einfluss in den Medien soll die Darstellung der Regierung infrage stellen.
Auch der Privatsektor ist ins Visier geraten. Internationale Berichte dokumentieren, wie die AKP Antikorruptionsgesetze genutzt hat, um Hunderte von Privatunternehmen zu beschlagnahmen und sie in den staatlichen Einlagensicherungsfonds zu überführen – ein Mechanismus, der sich zu einem Bereicherungssystem für Parteifunktionäre entwickelt.
Das zweite strategische Ziel ist die Reduzierung der Opposition zu einem leeren Symbol. Der Fall Imamoglu verdeutlicht dies: Einen Tag vor seiner Verhaftung entzog ihm die Universität Istanbul den Abschluss – eine notwendige Voraussetzung für seine Präsidentschaftskandidatur. Die Verhaftung diente dann als zusätzliche Garantie und stürzte die CHP-Wahlen in eine tiefe Krise.
Die Angriffe haben sich auch auf andere Parteiführer ausgeweitet, darunter den Bundesvorsitzenden Özgür Özel und die lokale Führung in Istanbul. Die Entscheidung eines Gerichts, den Parteitag der CHP in Istanbul für ungültig zu erklären und die Einsetzung eines von der AKP favorisierten Vorsitzenden zu erzwingen, stellt einen direkten Eingriff in die Oppositionsstruktur dar – eine für autokratische Regime typische Praxis.
Der Bürgermeister von Ankara, das nächste Ziel
Als nächstes scheint Mansur Yavas, der beliebte Bürgermeister von Ankara und eine der angesehensten Persönlichkeiten der CHP, ins Visier geraten zu sein. Die Staatsanwaltschaft Ankara hat Ermittlungen wegen „Korruption“ im Zusammenhang mit der Finanzierung eines Konzerts eingeleitet. Yavas wies die Vorwürfe als politisch motivierte Lügen zurück, erklärte sich aber zur Zusammenarbeit mit den Behörden bereit.
Yavas gilt als gefährlicher Rivale: Bei den Wahlen 2024 gewann er in einer Sechs-Millionen-Stadt mit 60 % der Stimmen, und landesweite Umfragen zeigten ihn als einzigen Kandidaten, der Erdoğan mit deutlichem Vorsprung schlagen könnte. Da İmamoğlu blockiert ist, dürfte die CHP auf Yavas setzen, weshalb Erdoğan ihn ausschalten will, bevor er offiziell ins Rennen geht.
Die USA und die NATO müssen ein klares Signal senden.
Die Proteste in der Türkei gegen den zunehmenden Autoritarismus stoßen bei den westlichen Verbündeten auf keine entschiedene Haltung. Washington betrachtet Erdoğan weiterhin als nützlichen Partner in regionalen Fragen – von der Ukraine über Syrien bis zum Gazastreifen. Die EU hingegen schweigt und stellt die geopolitische Stabilität über den Schutz demokratischer Werte.
Die Situation erfordert jedoch ein Umdenken. Die USA und die NATO müssen nicht in die türkische Innenpolitik eingreifen, um die Demokratie zu verteidigen; es genügt, zu signalisieren, dass Angriffe auf die Opposition und Machtmissbrauch Konsequenzen haben. Rechtliche Schritte gegen Beamte, die sich private Unternehmen aneignen, Beschränkungen beim Verkauf von Sicherheitsausrüstung, die gegen prodemokratische Demonstranten eingesetzt werden könnte, und diplomatischer Druck auf Ankara würden ein klares Signal senden.
Die Chance, den Abstieg der Türkei in einen zentralisierten autoritären Staat aufzuhalten, schwindet; ohne eine koordinierte Reaktion des Westens ist dieser Prozess möglicherweise bereits unumkehrbar. /Adaptiert aus „Pamphlet“ von The National Interest
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