Wo die Vergangenheit Territorien fordert, gestern Regeln fordert und heute Sicherheit fordert...
Davos ist nicht einfach nur ein Treffen globaler Führungskräfte; Jahrhunderte sitzen einander gegenüber, jedes mit seinen eigenen Ängsten, Obsessionen und Sehnsüchten. Es ist ein Gipfeltreffen, bei dem das 19. Jahrhundert mit einer Landkarte in der Hand den Raum betritt, das 20. Jahrhundert mit Verträgen und Institutionen unter dem Arm, während das 21. Jahrhundert am anderen Ende des Tisches sitzt, unruhig auf sein Handy starrt und sich fragt, warum nichts mehr so funktioniert wie versprochen. Die Anwesenheit Donald Trumps macht diesen Konflikt nicht nur sichtbar, sondern auch grotesk: ein Präsident mit expansionistischen Instinkten, der von Territorien, Zöllen und Druck spricht, auf einer Bühne, die geschaffen wurde, um Zusammenarbeit und die Illusion einer geordneten Welt zu fördern.
Die Ironie besteht darin, dass Davos genau zu dem Zweck gegründet wurde, das Kapitel der Machtpolitik abzuschließen, die vor den beiden Weltkriegen vorherrschte.
Das Weltwirtschaftsforum entstand aus der Überzeugung, dass eine voneinander abhängige Wirtschaft, Dialog und multilaterale Institutionen die Welt berechenbarer und folglich sicherer machen würden.
Heute hören wir in denselben Korridoren, in denen einst von Globalisierung und Konvergenz die Rede war, die Sprache von Strafzöllen, wirtschaftlicher Erpressung und „Abkommen“, die eher an Ultimaten des 19. Jahrhunderts als an Diplomatie des 20. Jahrhunderts erinnern.
Das 20. Jahrhundert, repräsentiert durch Führer, die immer noch an die Regeln, Bündnisse und die Ordnung der Nachkriegszeit glauben, sieht zunehmend aus wie ein müder Idealist.
Er spricht von Stabilität und Vertrauen, während ihn die Realität des 21. Jahrhunderts daran erinnert, dass diese Konzepte die Finanzkrise, die Pandemie, den Krieg in Europa und die Fragmentierung der Weltwirtschaft nicht verhindern konnten.
Das 21. Jahrhundert hingegen hat noch keine eigene Doktrin; es bewegt sich zwischen Angst, Technologie und strategischer Unsicherheit und erkennt nur halbherzig an, dass weder der alte Globalismus noch der neue Nationalismus klare Antworten liefern.
Davos ist somit zu einem Theater geworden, in dem alle über die Zukunft mit dem Vokabular der Vergangenheit sprechen. Manche wollen die Welt der Großmächte und Einflusssphären wiederherstellen, manche die bröckelnde liberale Ordnung retten und manche einfach nur in einem System überleben, das sich schneller verändert, als sie es begreifen können.
Die große Ironie besteht darin, dass alle vorgeben, an morgen zu denken, in Wirklichkeit aber darum kämpfen, ihr eigenes Jahrhundert zu prägen. Und Davos, einst ein Tempel des globalen Konsenses, gleicht heute eher einem lebendigen Museum, in dem die Epochen nicht übereinstimmen, sondern aufeinanderprallen und die beängstigendste Frage offenlassen: Welche von ihnen wird die Regeln der kommenden Welt bestimmen? / Broschüre
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