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Editorial12 Janar 2026, 11:13

Schweigen ist nicht Neutralität.

Shkruar nga Gjergj Zefi
Schweigen ist nicht Neutralität.
Bilder von den Protesten im Iran /

Gewalt im Iran und die stillschweigende Komplizenschaft der globalen Diplomatie...

In der internationalen Politik herrscht ein gefährliches, oft sogar absichtliches Missverständnis: die Vorstellung, Schweigen angesichts von Repression bedeute Neutralität. Das ist, als würde man schwimmen! Schweigen bedeutet, sich zu positionieren, und zwar meist auf der Seite des Stärkeren, nicht des Gerechten.

Seit Wochen kommt es in iranischen Städten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und dem Staatsapparat. Proteste, ausgelöst durch Armut, Inflation und Perspektivlosigkeit, haben sich rasch zu einer politischen Revolte gegen das System selbst entwickelt. Die Reaktion des Regimes ist brutal: Schusswaffeneinsatz gegen Demonstranten, Massenverhaftungen, Verschwindenlassen von Menschen, Verfolgung Verwundeter in Krankenhäuser und die vollständige Abschaltung des Internets, um die Realität zu verschleiern.

Der menschliche Preis ist hoch. Hunderte Tote, Tausende Verhaftete, eine ganze Generation verängstigt, aber nicht zum Schweigen gebracht. Und dennoch, jenseits formeller Bekundungen der „Besorgnis“, spricht der Westen nur leise, als sei die Gewalt ein nebensächliches Detail in einer größeren geopolitischen Gleichung.

Hier stößt die Neutralität an ihre Grenzen. Es kann keinen Mittelweg geben, wenn der Staat seine eigenen Bürger tötet, weil sie Würde einfordern. Über die Leichen von Demonstranten kann es kein diplomatisches Gleichgewicht geben. Jedes Schweigen, jede Verzögerung der Reaktion wird vom Regime als Freifahrtschein zur Fortsetzung der Repression interpretiert.

Das Argument der Stabilität ist zum gefährlichsten Alibi der modernen Diplomatie geworden. Durch Gewalt erzwungene Stabilität ist keine Stabilität, sondern lediglich eine Verschiebung der Krise. Die Geschichte des Nahen Ostens, aber auch Europas, hat deutlich gezeigt, dass Regime, die durch das Töten ihrer Bürger überleben, durch Schweigen nicht reformiert, sondern radikalisiert werden.

Darüber hinaus untergraben Doppelstandards die Glaubwürdigkeit des Westens ernsthaft. Bei Gewalttaten anderswo fallen die Reaktionen hart aus, Sanktionen werden umgehend verhängt, die moralische Rhetorik ist lautstark. Bei Gewalttaten im Iran hingegen wird die Sprache technisch, vorsichtig, fast kalt. Dies sendet eine klare Botschaft an die Protestierenden: Euer Leben ist weniger wert als unsere strategischen Interessen.

Am Ende wird die Geschichte nicht fragen, wie kompliziert die diplomatischen Akten waren, sondern warum geschwiegen wurde, als unbewaffnete Bürger Kugeln ausgesetzt waren. Schweigen ist keine Neutralität. Es ist eine bewusste Entscheidung. Und heute lastet diese Entscheidung schwer auf dem Gewissen derer, die vorgeben, universelle Werte zu verteidigen. / Broschüre

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