Milliarden von Euro wurden für einen brüchigen Frieden ausgegeben. Strategische Fehler im Umgang mit Bosnien und Kosovo beweisen, dass von außen diktierte Justiz den Ansprüchen und Bedürfnissen der Völker der Region nicht gerecht wird.
Der Westbalkan durchlebt eine Phase der Unruhe, in der die über Jahrzehnte von der internationalen Gemeinschaft aufgebaute Architektur deutliche Ermüdungs- und Versagenserscheinungen zeigt. Die beiden Hauptpfeiler dieser Präsenz – das Büro des Hohen Vertreters (OHR) in Bosnien und Herzegowina und die Kosovo-Sonderkammern (KSCC) in Den Haag – stehen heute im Zentrum scharfer Kritik.
Angesichts der angekündigten Abgänge und der schädlichen juristischen Gutachten stellt sich die Frage ganz einfach: Dienen diese Institutionen der Zukunft der Region oder sind sie zu Hindernissen für Stabilität und Gerechtigkeit geworden?
Christian Schmidts Paradoxon in Bosnien
Die Nachricht vom Ausscheiden des Hohen Repräsentanten in Bosnien, Christian Schmidt, wurde von vielen Beobachtern mit Erleichterung aufgenommen. Sein Vermächtnis bleibt jedoch ein zweischneidiges Schwert.
Einerseits gebührt Schmidt Lob für den Mut, den er 2023 bewies, als er das Gesetz erließ, das zur Anklage gegen Milorad Dodik wegen Missachtung der Autorität des OHR führte. Es war ein notwendiger Schritt, um den gefährlichen Separatismus der Republika Srpska einzudämmen.
Andererseits bleibt seine Entscheidung aus dem Jahr 2022, die Regeln für die Stimmenauszählung unmittelbar nach Schließung der Wahllokale zu ändern, ein unauslöschlicher Makel in seinem Lebenslauf.
Denn diese Aktion stiftete nicht nur Chaos, sondern begünstigte auch offen kroatische ethnisch-nationalistische Interessen und ignorierte dabei die Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Anstatt Bosnien zu einem System zu führen, in dem individuelle Rechte Vorrang vor ethnischen haben, verstärkte Schmidt die Stammeszugehörigkeit des Landes. Nun, da über seine Nachfolge gesprochen wird, ist die Gefahr noch größer.
Die Idee, einen Amerikaner an die Spitze des OHR zu berufen, die einst als ideale Lösung erschien, gleicht heute geopolitischem „Wahnsinn“. Die Trump-Regierung hat bereits einen alarmierend transaktionsorientierten Ansatz an den Tag gelegt, indem sie die Sanktionen gegen Dodik im Austausch für wirtschaftliche Interessen aufhob.
Die Gewährung diktatorischer Macht an eine Regierung, die Frieden als Geschäft betrachtet, würde daher das Ende der europäischen Bestrebungen Bosniens bedeuten.
Den Haag und der Schatten über der Justiz im Kosovo
Die Lage im Kosovo ist nicht weniger dramatisch. Die unter internationalem Druck eingerichteten Sonderkammern zur Anklage von UÇK-Führern befinden sich in einer Legitimationskrise. Ein aktueller Bericht des Menschenrechtsausschusses der Anwaltskammer von England und Wales (BHRC) hat erhebliche Zweifel am Verfahren in Den Haag geäußert.
Der Bericht hebt Verstöße hervor, die das Wesen der Justiz berühren: von der Verweigerung der Freilassung gegen Kaution bis zur Zulässigkeit fragwürdiger Beweismittel, die oft von der serbischen Regierung geliefert werden.
Der Grundsatz der Waffengleichheit zwischen Anklage und Verteidigung scheint nur auf dem Papier zu existieren. Selbst ich, der ich die kosovarischen Führer einst zur Akzeptanz dieses Gerichts gedrängt habe, spüre nun die Last eines Schuldbekenntnisses.
Die in Den Haag praktizierte Justiz entspricht weder europäischen Standards noch dem Bedürfnis der Bevölkerung des Kosovo nach einem fairen Verfahren. Wenn eine Institution, die Hunderte Millionen Euro kostet, ihre Unparteilichkeit nicht gewährleisten kann, verliert sie ihre Funktion als Instrument der Gerechtigkeit. Eine Verurteilung ehemaliger UÇK-Führer unter diesen Umständen würde nur in Belgrad gefeiert werden, während sie die Autorität der internationalen Justiz weltweit ernsthaft untergraben würde.
Auf dem Weg zu einer gefährlichen Weggabelung
Bosnien und Kosovo sind zwei Seiten derselben Medaille internationalen Versagens. In Bosnien haben wir eine Institution mit „monarchischer“ Macht, die für ethnische Machtspielchen missbraucht wird. Im Kosovo droht ein Gericht zum Instrument der Geschichtsumschreibung des Befreiungskrieges zu werden.
Die Lösung für Bosnien kann nicht einfach darin bestehen, die Verantwortung an die EU abzugeben. Bevor das OHR geschlossen werden kann, braucht Bosnien eine neue Verfassung, die es in einen funktionierenden demokratischen Staat verwandelt.
Was Kosovo betrifft, so muss die KHR einer strengen und unabhängigen Überwachung unterliegen. Gerechtigkeit lässt sich nicht mit Millionen von Euro erkaufen, wenn sie grundlegende Menschenrechtsprinzipien verletzt.
Wenn die internationale Gemeinschaft diese Fehler nicht reflektiert, bleibt die Friedensarchitektur auf dem Balkan so fragil, dass sie beim ersten geopolitischen Schock zusammenbrechen könnte. Frieden ohne echte Gerechtigkeit ist nichts weiter als ein verlängerter Waffenstillstand.
Anmerkung: Daniel Serwer ist Professor an der Johns Hopkins University und ein anerkannter Experte für Konfliktmanagement und US-Außenpolitik. Er war als hochrangiger Diplomat auf dem Balkan tätig und spielte eine Schlüsselrolle in den Friedensprozessen in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo.
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