
Um den enormen Energiebedarf von ChatGPT zu decken, bräuchte man im Grunde fünf Kraftwerke; wir sprechen hier von Stromkosten in Höhe von 1,5 Billionen Dollar...
Während wir von einem Jahr ins nächste wechseln, erscheint uns Janus, die mythologische Figur mit zwei Gesichtern – eines blickt in die Vergangenheit, das andere in die Zukunft – stets als Ratgeber. So liegt einerseits das Jahr 2025 hinter uns, in dem unzählige Artikel über den Schattenwurf der KI auf die Zukunft der menschlichen Arbeit geschrieben wurden. Andererseits nimmt das Jahr 2026 Gestalt an, mit einem deutlich konkreteren Feind in naher Zukunft. Der Akteur ist zwar weiterhin künstliche Intelligenz, doch das Schlachtfeld ist wesentlich konkreter und messbarer: Energie.
Nehmen wir ChatGPT als Beispiel: Von der Gründung bis 2025 ist der Energiebedarf von 200 Megawatt (MW) im Jahr 2023 auf 1,9 Gigawatt (GW) im Jahr 2025 gestiegen. Das Unternehmen OpenAI prognostiziert für die Zukunft einen Energiebedarf von 30 GW. Um die Tragweite zu verstehen, genügt es, sich vor Augen zu führen, dass jeder Reaktor in einem Kernkraftwerk maximal 1,5 GW erzeugt. Kernkraftwerke verfügen in der Regel über drei oder vier Reaktoren (selten sind alle gleichzeitig in Betrieb), und es gibt weltweit nur 440 Kernkraftwerke (die derzeit in China wie Pilze aus dem Boden schießen, während der Rest der Welt darüber spricht).
Um den enormen Energiebedarf von ChatGPT zu decken, bräuchte man im Grunde genommen etwa fünf Kraftwerke; wir sprechen hier von einer Stromrechnung in Höhe von 1,5 Billionen Dollar.
Dann gibt es noch die anderen großen Technologiekonzerne. Es ist kein Zufall, dass Microsoft die Wiedereröffnung des Atomkraftwerks Three Mile Island finanziert, dem Ort des schlimmsten Atomunfalls in der Geschichte der USA, der so tief im kollektiven amerikanischen Bewusstsein verankert ist, dass die berühmten X-Men-Charaktere von Marvel ihre Kräfte erst nach der Reaktorexplosion im Jahr 1979 entdeckten.
Mehr als die allgemeine Angst vor einer post-KI-Arbeitswelt, die sich gerade erst mit all ihren Unsicherheiten abzeichnet, schwelt hier bereits ein realer Konflikt unter der Oberfläche: Werden wir mit dem Energiebedarf der neuen KI-Industrie um Energie konkurrieren müssen? Das ist keine Science-Fiction: In den Vereinigten Staaten wurden bereits Klagen von Gemeinden eingereicht, denen der Zugang zu Flusswasser verweigert wurde, das zur Kühlung der energieintensiven Rechenzentren umgeleitet wird, die für das Training und die Verwaltung unserer Chatbots benötigt werden.
Diese Rechenzentren benötigen zwar Energie, schaffen aber keine Arbeitsplätze (anders als jene), da sie vollautomatisiert sind. Im Grunde genommen entstehen also keine Arbeitsplätze und es gibt keine sozialen Konflikte. Es ist kein Zufall, dass große Technologieunternehmen sie gerne in anderen Ländern errichten. /Adaptiert aus „Pamphlet“ von „Corriere della Sera“
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