Beim G7-Gipfel ging es nicht nur um die Auseinandersetzungen zwischen Donald Trump und den europäischen Staats- und Regierungschefs. Die Vertrauenskrise, die den Westen in zwei Lager spaltet und die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene internationale Ordnung infrage stellt, trat deutlich zutage.
In der internationalen Politik gibt es Momente, in denen Diplomaten über Kriege, Wirtschaft, Waffen und Bündnisse sprechen, aber in Wirklichkeit geht es ihnen um etwas viel Einfacheres und viel Gefährlicheres: Vertrauen.
Der G7-Gipfel in Frankreich findet genau im Schatten des Misstrauens statt. Nicht etwa, weil der Westen an Macht verloren hätte. Nicht etwa, weil er an Wohlstand eingebüßt hätte. Nicht etwa, weil es ihm an Waffen oder Technologie mangelte. Sondern weil die wichtigsten Verbündeten der westlichen Welt zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg kein Vertrauen mehr zueinander haben.
Donald Trump kam nicht als unangefochtener Anführer des westlichen Lagers nach Frankreich, sondern als Mann, der fast jede Grundlage dieses Lagers infrage gestellt hat. Jahrzehntelang garantierten die Vereinigten Staaten die europäische Sicherheit, unterstützten den Freihandel, bauten internationale Institutionen auf und vertraten die Auffassung, dass amerikanische und europäische Interessen im Wesentlichen übereinstimmten. Trump reißt diese Doktrin Stein für Stein ein.
Für den amerikanischen Präsidenten sind Bündnisse keine Wertegemeinschaften mehr, sondern Interessenverträge. Die NATO ist keine strategische Familie mehr, sondern eine Rechnung, die beglichen werden muss. Die Beziehungen zu Europa sind keine historische Verpflichtung mehr, sondern ein Ausgleich von Gewinnen und Verlusten. Seiner Logik zufolge muss jeder Partner ständig beweisen, dass er die amerikanische Unterstützung verdient.
Dieser Ansatz hat nicht nur Brüssel erschüttert. Er hat die psychologischen Grundfesten des Westens ins Wanken gebracht. Emmanuel Macron, Friedrich Merz und Keir Starmer fürchten nicht, dass Trump eine Verhandlung verlieren oder eine Fehlentscheidung treffen könnte. Sie fürchten, dass Amerika nicht mehr das Amerika ist, das sie kannten. Sie fürchten, dass die strategische Garantie, auf der Europa achtzig Jahre lang seine Sicherheit aufgebaut hat, zu einem Instrument politischen Drucks geworden sein könnte.
Deshalb steht die Ukraine im Zentrum der Spannungen. Für die Europäer ist der Krieg gegen Russland eine existenzielle Bewährungsprobe. Für Trump ist es ein Konflikt, der um jeden Preis beendet werden muss, selbst wenn dies Kompromisse erfordert, die Europa für inakzeptabel hält. Die beiden Seiten des Atlantiks streiten nicht mehr über Taktiken, sondern über die Bedeutung des Sieges selbst.
Dasselbe geschieht mit dem Iran. Washington verhandelt nach dem Prinzip eines schnellen Abkommens. Europa wünscht sich längere Prozesse, mehr Garantien und mehr Koordination. Die Amerikaner wollen Ergebnisse. Die Europäer wollen Stabilität. Der Unterschied ist nicht technischer, sondern philosophischer Natur.
Im Hintergrund verbirgt sich eine Wahrheit, die viele europäische Staats- und Regierungschefs nicht öffentlich auszusprechen wagen. Sie fürchten sich nicht mehr nur vor Wladimir Putin, Xi Jinping oder den iranischen Führern. Sie beginnen, die strategische Unsicherheit zu fürchten, die von Washington selbst ausgeht. Deshalb wird in den europäischen Hauptstädten immer häufiger über strategische Autonomie, unabhängige Rüstungsindustrien und militärische Fähigkeiten diskutiert, die nicht vollständig von den Vereinigten Staaten abhängig sind.
Dies ist keine gewöhnliche diplomatische Krise. Diplomatische Krisen werden durch Erklärungen, Gipfeltreffen und Kompromisse beigelegt. Dies ist eine Vertrauenskrise. Und die Geschichte lehrt, dass militärische und wirtschaftliche Macht nicht ausreichen, um Bündnisse zusammenzuhalten, wenn diese das Vertrauen zueinander verlieren.
In Évian geht es nicht nur um das Schicksal der Ukraine, des Irans oder um Handelszölle. Es geht um etwas viel Grundlegenderes: die Frage, ob der Westen weiterhin als politische Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen bestehen kann oder ob er sich in eine Gruppe von Staaten verwandelt, die zwar dieselbe Geschichte teilen, aber nicht mehr dieselbe Zukunftsvision.
Dies ist das große Paradoxon unserer Zeit. Während Russland, China und andere rivalisierende Mächte die internationale Ordnung in Frage stellen, geht die größte Bedrohung für den Zusammenhalt des Westens nicht von außen aus. Sie entsteht aus gegenseitigem Misstrauen unter den Verbündeten selbst. Und wenn Verbündete beginnen, einander zu misstrauen, bringt die Geschichte selten ein friedliches Ende. / Broschüre
Lini një Përgjigje