Von Friedensdrohungen bis hin zu Bombenangriffen im Namen der Sicherheit – Washington und Teheran beschreiten einen Weg, auf dem jeder neue Schritt die Umkehr erschwert…
Kriege beginnen meist dann, wenn jemand glaubt, die Situation unter Kontrolle zu haben. Sie werden gefährlich, wenn niemand mehr die Kontrolle hat. Genau an diesem Punkt scheint der Nahe Osten heute angelangt zu sein.
Die Angriffe der letzten Stunden, die neuen Drohungen, die Bombenanschläge, die Gegenangriffe und die zunehmend aggressive Rhetorik haben eine Realität geschaffen, in der niemand mehr mit Sicherheit sagen kann, was morgen geschehen wird. Nicht in einem Monat. Morgen.
Jahrelang lieferten sich die Vereinigten Staaten und der Iran eine heftige, aber vergleichsweise kontrollierte Konfrontation. Es gab Sanktionen, Sabotageakte, Attentate, Angriffe regionaler Verbündeter und Machtdemonstrationen. Dennoch existierte eine ungeschriebene Grenze, die beide Seiten nicht zu überschreiten suchten. Heute ist diese Grenze verschwunden.
Das Paradoxon ist brutal. Washington erklärt sich zum Frieden bereit, während es gleichzeitig den militärischen Druck und die Drohungen erhöht. Teheran erklärt sich zu Verhandlungen bereit und nutzt dabei alle ihm zur Verfügung stehenden Druckmittel, von regionalen Netzwerken bis hin zur Bedrohung der Schifffahrt in Hormus. Beide Seiten behaupten, die Stabilität zu verteidigen. Doch beide Seiten handeln so, dass sie die Instabilität nur noch verstärken.
Im Zentrum dieses Dramas steht Donald Trump.
Die Frustration des amerikanischen Präsidenten wird immer deutlicher. Er kam an die Macht mit dem Versprechen, einen Krieg zu vermeiden und seine Gegner aus einer Position der Schwäche heraus zu Abkommen zu zwingen. Seiner Logik nach sollten wirtschaftlicher Druck, diplomatische Isolation und eine Machtdemonstration den Iran zu Verhandlungen unter amerikanischen Bedingungen an den Verhandlungstisch bringen.
Doch die Realität entspricht diesem Szenario nicht.
Der Iran ist nicht zusammengebrochen. Er hat nicht kapituliert. Er hat seine regionalen Ambitionen nicht aufgegeben. Im Gegenteil, er hat gezeigt, dass er bereit ist, einen weitaus höheren Preis zu zahlen, als amerikanische Strategen vorhergesagt hatten. Dies hat Trump in eine politische und strategische Falle gelockt. Gibt er nach, riskiert er, schwach zu wirken. Eskaliert er den Konflikt, riskiert er einen Krieg, den er niemals führen wollte.
Hier liegt der Ursprung der Nervosität, die sich in den widersprüchlichen Aussagen seiner Regierung widerspiegelt. Mal ist von einem Abkommen die Rede, mal von Bombenangriffen. Dann werden wieder Forderungen nach Verhandlungen laut. Dann folgen neue militärische Warnungen. Das ist kein Zeichen von Stärke mehr, sondern ein Zeichen der Unsicherheit über den einzuschlagenden Weg.
Inzwischen greift der Eskalationsmechanismus von selbst. Ein Raketenangriff löst einen Bombenangriff aus. Ein Bombenangriff führt zu einer Gegenreaktion. Eine Gegenreaktion liefert einen neuen Grund, den Krieg fortzusetzen. Jede Aktion schafft die Rechtfertigung für die nächste. Der Spielraum für Diplomatie schwindet. Das Risiko fataler Fehler steigt.
Die Geschichte lehrt uns, dass die größten Konflikte nicht immer mit detaillierten Plänen begannen. Oftmals basierten sie auf dem Glauben beider Seiten, die Folgen ihres Handelns kontrollieren zu können. Genau darin liegt die gegenwärtige Gefahr. Alle Hauptakteure reden weiterhin so, als hätten sie die Situation im Griff. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.
Israel strebt nach absoluter Sicherheit. Der Iran strebt nach dem Überleben seines Regimes und nach regionalem Einfluss. Amerika will seine strategische Vormachtstellung wahren und eine Ordnung durchsetzen, die seinen Interessen entspricht. Doch je länger der Konflikt andauert, desto weiter entfernen sich diese Ziele voneinander.
Die Weltwirtschaft spürt die Auswirkungen. Die Märkte reagieren nervös. Die Energiepreise schwanken. Seewege sind bedroht. Millionen Menschen leben im Schatten einer Eskalation, die über regionale Grenzen hinausgehen könnte.
Die Frage, die gestellt werden muss, ist nicht mehr, wer Recht hat. Die Frage ist viel einfacher und viel alarmierender.
Wo zum Teufel gehen die hin?
Denn wenn niemand erklären kann, wie das Ende dieses Weges aussieht, besteht die reale Möglichkeit, dass ihn niemand mehr kontrolliert. Und wenn eine frustrierte Supermacht, ein ums Überleben kämpfendes Regime und eine Region voller historischer Feindseligkeiten im Dunkeln tappen, ohne das Ziel zu kennen, bringt die Geschichte gewöhnlich keinen Frieden hervor. Die Geschichte bringt Katastrophen hervor. / Broschüre
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