Der Besuch von Edi Rama in Israel, die Haltung der Türkei zu Gaza, das Iran-Dossier und das mysteriöse Treffen mit dem türkischen Botschafter zeigen, dass die Beziehung zwischen den beiden Staatschefs zwar nicht offiziell abgebrochen ist, aber in die Grauzone des diplomatischen Misstrauens eingetreten ist.
Die Beziehung zwischen Edi Rama und Recep Tayyip Erdoğan beschränkt sich nicht mehr auf repräsentative Fotos, Bekundungen der „Brüderlichkeit“ und unangefochtene türkische Investitionen in Albanien. Offiziell sprechen Tirana und Ankara zwar weiterhin von „ausgezeichneten Beziehungen“. Doch Diplomatie lässt sich, wie immer, nicht allein an Kommuniqués ablesen; sie zeigt sich auch im Schweigen, in distanzierten Formulierungen und in den Botschaften, die über die Botschafter übermittelt werden.
Der Artikel in der Broschüre über das Treffen zwischen Rama und dem türkischen Botschafter Ceyhun Erciyes legt eine gewagte These nahe: Erdoğan wollte Rama nicht beim NATO-Gipfel in Ankara dabei haben, oder zumindest nicht ohne vorherige politische Garantien. Diese Behauptung stützt sich auf diplomatische Quellen und sollte daher als Indiz, nicht als öffentlich bewiesene Tatsache betrachtet werden. Doch das Indiz ist nicht unbegründet.
Fakt ist: Es gibt keine diplomatische Scheidung.
Die Türkei und Albanien bleiben strategische Partner. 2021 hoben Rama und Erdoğan die Beziehungen auf die Ebene einer strategischen Partnerschaft und gründeten den Hochrangigen Kooperationsrat.
Im Februar 2024 erklärte Erdoğan, der bilaterale Handel habe rund eine Milliarde Dollar erreicht und das neue Ziel liege bei zwei Milliarden Dollar. Er sagte außerdem, die türkischen Investitionen in Albanien näherten sich 3,5 Milliarden Dollar.
Auch die türkische Botschaft in Tirana stellt die Beziehungen als stabil dar: Im Jahr 2025 erreichte das Handelsvolumen rund eine Milliarde Dollar, und die Türkei zählt zu den führenden Investoren in Albanien.
Es kommt also nicht zu einem Staatszerfall. Es werden keine Botschafter zurückberufen, es gibt keine scharfen öffentlichen Äußerungen und keine Aufkündigung von Abkommen.
Doch es herrscht eine politische Kältewelle.
Der Hauptkonfliktpunkt heißt Israel.
Im Januar 2026 stattete Rama Israel einen vielbeachteten Besuch ab und hielt im Rahmen eines besonderen Staatsprotokolls eine Rede in der Knesset.
Für Ankara war dies ein deutliches Signal. Erdoğan hat seinen gesamten regionalen Diskurs auf Israels Opposition gegen Gaza aufgebaut. Selbst beim Treffen mit Rama in New York betonte das türkische Präsidialamt, dass Erdoğan die israelischen Übergriffe in den palästinensischen Gebieten und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Vorgehens der Staaten zur Beendigung dieser Übergriffe angesprochen habe.
In diesem Kontext trat Rama in die entgegengesetzte Richtung. Türkische Medien, darunter die Daily Sabah, berichteten über die Proteste in Tirana gegen seinen Besuch in Israel und seine pro-israelischen Äußerungen.
Das ist kein redaktioneller Zufall. In der Türkei dienen staatliche Medien oft als politisches Stimmungsbarometer. Wenn sie einen ihnen wohlgesonnenen Politiker angreifen, ist die Botschaft meist nicht rein journalistischer Natur.
Das iranische Dossier: der heikelste Punkt
Rama hat Ankara aufgefordert, ein iranisches Büro in der Nähe der türkischen Botschaft in Tirana zu schließen. Dies wurde zwar noch nicht offiziell bestätigt, sollte es aber zutreffen, wäre es von strategischer Bedeutung.
Albanien steht seit Jahren gegen den Iran, insbesondere nach der Aufnahme der MEK und den Cyberkonflikten mit Teheran. Die Türkei hingegen, obwohl NATO-Verbündeter, unterhält aus regionalen, energiepolitischen und sicherheitspolitischen Gründen Kommunikationskanäle zum Iran.
Rama bittet hier nicht einfach nur um einen administrativen Gefallen. Er fordert die Türkei auf, sich zwischen einem NATO-Verbündeten und einem traditionellen Gleichgewicht ihrer Ostpolitik zu entscheiden.
Die NATO als Schauplatz eines stillen Konflikts
Sollte es stimmen, dass Ankara Präsident Bajram Begaj anstelle von Rama beim NATO-Gipfel bevorzugen würde, so ist dies ein starkes persönliches Signal. In der Diplomatie ist die Wahl der Repräsentationsebene keine Formalität, sondern eine Botschaft.
Dieser Teil ist jedoch weiterhin öffentlich unbestätigt. Daher ist die zutreffendste Aussage folgende: Es handelt sich nicht um einen Beweis für Ramas Ausschluss, sondern um ein mögliches Anzeichen für ein neues Misstrauen im persönlichen Verhältnis zwischen Rama und Erdoğan.
Die Beziehungen zwischen Rama und Erdoğan sind nicht abgebrochen. Aber sie sind nicht länger unantastbar.
Die Türkei hat weiterhin bedeutende Interessen in Albanien: Wirtschaft, Verteidigung, Religion, kultureller Einfluss und strategische Präsenz auf dem Balkan. Albanien benötigt die Türkei als Sicherheits- und Wirtschaftspartner. Doch Rama orientiert sich zunehmend an der Achse Israel-USA-EU, während Erdoğan in den Bereichen, in die er sein internationales Kapital investiert hat, politische Loyalität fordert.
Hier liegt der eigentliche Konflikt: nicht zwischen Albanien und der Türkei, sondern zwischen Rama und Erdoğans Erwartung eines loyalen Verbündeten auf dem Balkan. / Broschüre
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