
Eine neue Studie des größten französischen Forschungsinstituts hat erhebliche Lücken in Europas Verteidigungsfähigkeit gegenüber Russland aufgezeigt. Doch es gibt Lösungen…
„Europäische Länder können die ‚Russlandfrage‘ nicht länger ignorieren, denn Russland hat sich für den Krieg entschieden.“ Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie führender außenpolitischer Experten in Frankreich. Die Studie untersucht das Kräfteverhältnis zwischen Russland und Europa. Die Forscher stellen klar: Wladimir Putin wird von einem direkten Angriff auf Europa lediglich durch zwei Faktoren abgehalten. Und wenn diese Faktoren geschwächt werden, fehlt Europa derzeit die Fähigkeit, sich in einem Landkrieg zu verteidigen.
Die Studie mit dem Titel „Europa-Russland: Eine Analyse des Machtgleichgewichts“ wurde am 4. November vom französischen Institut für Internationale Beziehungen (Ifri) veröffentlicht. Die Autoren analysieren das Machtgleichgewicht zwischen Russland und Europa in vier Bereichen: Wirtschaft, Verteidigung und Sicherheit, politische Systeme und soziale Stabilität sowie Bündnisse und internationale Strukturen. Obwohl all diese Bereiche wichtig sind, kommen sie zu dem Schluss, dass letztlich der politische Wille sowie die militärischen Verteidigungs- und Offensivfähigkeiten die entscheidenden Faktoren in einer Konfrontation mit Russland sind.
Zwei Faktoren hindern Putin daran, Europa anzugreifen.
Laut Ifri betrachtet sich Russland seit Jahren als „Opfer eines (fiktiven) Krieges, den der Westen zur Unterwerfung Russlands führt“. Der Krieg in der Ukraine ist demnach ein Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Russland. Darüber hinaus hegt Russland imperialistische Fantasien über seine ehemaligen Einflusssphären. Die Studie verdeutlicht, dass Russland „eine militärische Konfrontation mit NATO-Mitgliedstaaten für möglich hält und seine Streitkräfte für dieses Szenario ausrüstet und positioniert“. Derzeit hindern nur zwei Dinge Russland an einem militärischen Angriff auf Ost- und Mitteleuropa:
Der interne Zusammenhalt der NATO: Im Zentrum steht das US-amerikanische Engagement für die europäische Sicherheit, aber auch die europäische Übereinkunft über Sicherheitswerte und -interessen. Der
anhaltende Widerstand der Ukraine: Der Widerstand des ukrainischen Volkes belastet die russischen Streitkräfte und hindert Russland daran, seine Waffenarsenale aufzustocken oder gar eine zweite Front zu eröffnen.
Sollte es zu einer solchen Aggression kommen, fehlt Europa laut der Studie derzeit die militärische Stärke, um einen Bodenkrieg zu gewinnen. Das bedeutet, dass das russische Militär den europäischen Streitkräften zusammen zahlenmäßig überlegen ist. Russland verfügt schätzungsweise über 650.000 bis 950.000 Soldaten, verglichen mit nur 750.000 in Europa. Die Autoren der Studie beziehen die NATO- und EU-Mitgliedstaaten in diese Zahl ein, die Türkei jedoch nicht. Neben der zahlenmäßigen Überlegenheit seines Militärs verfügt Russland auch über größere Kapazitäten zur schnellen Mobilisierung und zum schnellen Einsatz seiner Truppen an der Front. Europa hingegen ist politisch zersplittert und verfügt laut dem Institut für Außenwirtschaftsforschung (IFRI) über eine schwächere Infrastruktur für Truppenbewegungen.
Europa mangelt es an Waffen, Infrastruktur und Soldaten.
Darüber hinaus verfügen 20 der 30 europäischen Länder über kleine Armeen und können für die europäische Verteidigung nur wenige Bataillone (etwa 300 bis 1.200 Soldaten) aufbieten. Laut Ifri läge die europäische Verteidigung daher auf den Schultern von vielleicht sechs Ländern: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Italien und Spanien. Zudem mangelt es Europa an ausreichend Waffen. Dies betrifft Artillerie, Lang- und Kurzstreckenwaffen sowie Drohnen. Auch die elektronische Kriegsführung ist in den europäischen Armeen kaum verbreitet.
Darüber hinaus mangelt es sowohl Europa als auch Russland an ausreichender militärischer Infrastruktur, etwa an medizinischer Ausrüstung, Transport- und Reparaturkapazitäten. Russland könnte dies durch Austauschprogramme ausgleichen. Die europäischen Streitkräfte sind zwar zahlenmäßig unterlegen, aber besser ausgebildet und können die Lücke somit teilweise schließen. Dies reicht jedoch kaum aus; die Autoren der Studie empfehlen daher, dass Europa sein Arsenal erweitert.
Die europäische Verteidigung stärken, Putin ernst nehmen
Generell muss Europa seine Verteidigung selbst in die Hand nehmen. Sollten die USA ihre Unterstützung für Europa einstellen, wird es mittelfristig unmöglich sein, die fehlenden Fähigkeiten durch gleichwertige europäische Fähigkeiten zu ersetzen. In einem Konflikt mit Russland muss Europa seine Stärken ausspielen: in der Luft, auf See und im Weltraum sowie potenziell im Cyberspace. Sollten die USA ihre Unterstützung für Europa einstellen, wird es mittelfristig unmöglich sein, die fehlenden Fähigkeiten durch gleichwertige europäische Fähigkeiten zu ersetzen.
IFR-Chef Thomas Gomart argumentiert in der Studie, Europa verfüge „über das notwendige Potenzial – namentlich wirtschaftliche Ressourcen, militärische Fähigkeiten und technologisches Know-how –, um Russland bis 2030 entgegenzutreten, vorausgesetzt, es zeigt den politischen Willen dazu“. Die Studie kann diesen politischen Willen jedoch nicht untersuchen. /Adaptiert von Fr.de/
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