Zukünftige Bündnisse werden nicht auf Nationalität, Ideologie, Glauben oder Hautfarbe beruhen, sondern auf gemeinsamen Interessen, Werten und Zielen...
Ibn Khaldun, der Gigant der politischen Philosophie des 14. Jahrhunderts, argumentierte, dass jede Großmacht einen natürlichen Zivilisationszyklus von fünf Generationen – etwa 125 Jahren – durchläuft, bevor der Niedergang unausweichlich wird.
Wenn wir die Vereinigten Staaten in diesen Rahmen einordnen, begann ihre globale Vorherrschaft mit der Monroe-Doktrin im Jahr 1823 und erreichte nach dem Ersten Weltkrieg ihre volle Dominanz. Gemessen daran hat die regelbasierte internationale Ordnung unter Führung der USA die von Ibn Khaldun für Imperien vorhergesagte historische Lebensdauer bereits überschritten.
Wenn Ibn Khaldun heute noch lebte, hätte er die Stabilität Amerikas möglicherweise einem Faktor zugeschrieben, den er für das Überleben des Staates als wesentlich erachtete: das Funktionieren eines verlässlichen Justizsystems.
Solange Gerechtigkeit herrscht, schrieb er, kann eine Nation auf eigenen Beinen stehen. Jahrzehntelang verkörperten die Vereinigten Staaten genau dieses Bild. Doch in einer Ära, die von finanzieller Verflechtung und geopolitischer Multipolarität geprägt ist, genügt Gerechtigkeit allein nicht mehr.
Wirtschaftliche Macht, nicht moralische Autorität, ist heute der entscheidende Faktor globaler Macht.
Chinas Parallelordnung
Der Aufstieg Chinas hat einen strukturellen Wandel in der internationalen Landschaft bewirkt. Peking hat nicht nur seinen Einfluss ausgebaut, sondern auch Alternativen zum westlich geprägten System geschaffen.
Die BRICS-Gruppe, die Neue Entwicklungsbank und die Asiatische Infrastrukturinvestitionsbank fungieren als Gegenspieler des IWF und der Weltbank. Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) hat sich zu einer umfassenden Sicherheitsplattform entwickelt – oft als „asiatische NATO“ bezeichnet –, die westlichen Sicherheitsstrukturen in Eurasien entgegentritt.
Dann gibt es die „Neue Seidenstraße“ – eine Wiederbelebung der Marco-Polo-Ökonomie –, die China über Infrastruktur-, Energie- und Handelsnetzwerke mit über 130 Ländern verbindet. Diese Partnerschaften sind an minimale politische Auflagen geknüpft, was Pekings Modell besonders attraktiv für Entwicklungsländer macht, die sich lange durch westliche Konditionierung eingeschränkt gefühlt haben.
Die wohl größte Herausforderung für die gegenwärtige Weltordnung ist Chinas Bestreben, den Dollar zu entdollarisieren. Große Volkswirtschaften – darunter Saudi-Arabien, Russland, Pakistan, Iran und weite Teile Südostasiens – wickeln ihren bilateralen Handel zunehmend in ihren jeweiligen Landeswährungen ab.
Dieser Trend hat weitreichende Konsequenzen. Die wichtigste Säule der globalen Vormachtstellung der USA ist die Rolle des Dollars als Weltreservewährung. Wird diese Grundlage untergraben, können die USA ihre Defizite nicht länger durch Gelddrucken finanzieren; die Zinsen und die Inflation werden steigen, und US-Unternehmen werden einem beispiellosen Druck ausgesetzt sein.
Bemerkenswert ist dabei, dass die aktuelle US-Politik diesen Wandel beschleunigt. Handelskriege, Zölle und die Distanzierung von traditionellen Verbündeten haben diplomatische Vakuums geschaffen, die China mit strategischer Sorgfalt füllt.
Ob bewusst oder unbewusst, Washington erschafft die Zukunft, die sich Peking vorgestellt hat.
Das neue Allianzmodell
Der Zusammenbruch der gegenwärtigen regelbasierten Ordnung scheint weniger eine Frage des „Ob“ als des „Wann“ zu sein. Doch was kommt als Nächstes? Die Bündnisse der Zukunft werden nicht auf Nationalität, Ideologie, Glauben oder Hautfarbe beruhen.
Sie werden auf gemeinsamen Interessen, Werten und Zielen basieren. Es könnten einst unvorstellbare ideologische Mischformen entstehen: Kommunisten, die mit muslimischen Staaten verbündet sind; Liberale, die Islamisten gegen Neokonservative unterstützen; humanitäre Organisationen, die mit muslimischen Gemeinschaften gegen Völkermord zusammenarbeiten.
In diesem sich wandelnden System kann ein Liberaler, der sich gegen Ungerechtigkeit ausspricht, mehr Gewicht haben als ein Muslim, der Unterdrückung unterstützt; ein Kommunist, der die Souveränität verteidigt, kann mehr zählen als ein Muslim, der einen säkularen Autoritarismus befürwortet.
Interessen werden Etiketten ersetzen. Sie werden die „Neowerte“ der postamerikanischen Ordnung sein. Für Mittelmächte wird diese multidimensionale Diplomatie zur Norm werden. Ein Land kann mit Staat A im Klimabereich, mit Staat B im Handel und mit Staat C in Sicherheitsfragen kooperieren, ohne auf allen Gebieten ideologische Einheitlichkeit zu fordern.
Folgen für die islamische Welt
Eine weniger von Washington dominierte Welt könnte der muslimischen Welt den strategischen Spielraum bieten, den sie sich seit Langem wünscht. Anders als die Vereinigten Staaten wird China die innenpolitischen Strukturen mehrheitlich muslimischer Staaten wohl kaum bis ins kleinste Detail lenken.
Mit weniger äußeren Zwängen könnten muslimische Nationen Spielraum finden, um Bündnisse neu auszurichten und lange brachliegende gemeinsame Bestrebungen wiederzubeleben. Die Vision des Islamischen Gipfels von Lahore 1974 für eine einheitliche politische und wirtschaftliche Koordination könnte wieder an Bedeutung gewinnen.
Der jüngste Verteidigungspakt zwischen Pakistan und Saudi-Arabien ist ein erstes Anzeichen für eine mögliche Neuausrichtung, die nicht auf aufgezwungenen Rahmenbedingungen, sondern auf gemeinsamer Geschichte, gegenseitiger Identität und strategischer Notwendigkeit beruht.
In einem dynamischen, interessengeleiteten und multipolaren postamerikanischen internationalen System könnte die muslimische Zivilisation ihre lang ersehnte Chance auf Wiederaufleben finden. Die zukünftige Weltordnung wird möglicherweise kein Wettbewerb zwischen Ost und West sein, sondern ein Mosaik aus Partnerschaften, in denen Zivilisationen sich nach ihren eigenen Vorstellungen neu behaupten.
Und in dieser Welt kann die islamische Welt endlich ihren Platz zurückerobern – nicht als von anderen abhängiger Block, sondern als strategischer Akteur, der die globale Zukunft gestaltet. / Adaptiert aus „Asia Times“
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