Diplomatie ist kein Geschäftsvertrag. Das US-Iran-Memorandum scheiterte, weil es auf der Logik des Geschäfts beruhte, während der Nahe Osten weiterhin nach den Prinzipien des Machtgleichgewichts funktioniert.
In der internationalen Politik besteht eine ständige Versuchung: der Glaube, dass sich jeder Konflikt lösen lässt, wenn sich die Parteien an einen Verhandlungstisch setzen und eine für alle vorteilhafte Einigung erzielen. Donald Trump erhob diese Philosophie zur Doktrin. Er glaubte, seine Erfahrung als Verhandlungsführer und Unternehmer ließe sich auch auf die Diplomatie übertragen.
Nach dieser Auffassung unterscheiden sich Staaten nicht wesentlich von Unternehmen; sie verhandeln Interessen, wägen Kosten ab und einigen sich schließlich auf einen Kompromiss, wenn die Kosten eines Konflikts höher sind als sein Nutzen.
Die zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran getroffene Vereinbarung basierte auf dieser Logik. Es handelte sich weder um einen historischen Vertrag noch um eine endgültige Vereinbarung zum iranischen Atomprogramm. Es war ein politischer Waffenstillstand, ein Versuch, die militärische Eskalation vorübergehend einzufrieren und der Diplomatie ein Zeitfenster zu eröffnen.
Dieses Zeitfenster schloss sich jedoch viel schneller als erwartet.
Die heutigen amerikanischen Angriffe und die iranischen Vergeltungsmaßnahmen markieren nicht nur das Ende des Memorandums. Sie untergraben eine viel grundlegendere Idee: dass der Nahe Osten nach denselben Prinzipien regiert werden kann, die in der Geschäftswelt funktionieren.
Das war der grundlegende Fehler.
Im Geschäftsleben basieren Verträge auf Recht, Schiedsgerichtsbarkeit und wirtschaftlichen Interessen. In der Geopolitik hingegen beruhen Abkommen auf Vertrauen, dem Machtgleichgewicht und dem Sicherheitsgefühl. Fehlt es an Vertrauen, bleibt jedes Dokument letztlich wertlos.
Der Iran betrachtet seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten nicht als Handelsverhandlungen. Für die Islamische Republik ist der Konflikt mit Washington seit der Islamischen Revolution von 1979 Teil ihrer politischen Identität. In diesem Sinne ist Widerstand nicht nur eine Strategie, sondern auch eine Legitimationsquelle für das Regime. Jeder Kompromiss, der als Kapitulation vor dem amerikanischen Druck wahrgenommen wird, könnte innenpolitische Konsequenzen haben, die weitaus schwerwiegender sind als die Sanktionen selbst.
Auch Washington stellte eigene Berechnungen an. Die Trump-Regierung setzte auf eine Strategie des „maximalen Drucks“: Wirtschaftssanktionen, eine Machtdemonstration und Verhandlungsbereitschaft. Die Idee war simpel: Durch die Erhöhung der Konfliktkosten sollte Teheran gezwungen werden, günstigere Bedingungen zu akzeptieren.
Theoretisch klang das überzeugend. In der Praxis führte es jedoch zum Gegenteil.
Je stärker der Druck zunahm, desto mehr war die iranische Führung überzeugt, dass jedes Zugeständnis als Schwäche ausgelegt würde. Folglich erforderte jeder amerikanische Angriff einen Gegenangriff. Jede iranische Reaktion rechtfertigte eine weitere amerikanische Operation. Die Diplomatie wurde zum Spielball der Logik der Rache.
Das Scheitern ist jedoch nicht allein auf die beiden Hauptstädte zurückzuführen.
Der Nahe Osten ist kein Schachbrett, auf dem nur Washington und Teheran agieren. Israel, die arabischen Golfmonarchien, die Türkei, Russland, China und ein Netzwerk nichtstaatlicher Akteure beeinflussen diese Dynamik – von Milizen im Irak und in Syrien bis hin zu bewaffneten Gruppen im Libanon und im Jemen. Jeder dieser Akteure verfolgt seine eigenen Interessen, roten Linien und strategischen Kalkulationen.
Das bedeutet, dass selbst das beste bilaterale Abkommen durch einen lokalen Zwischenfall, einen Drohnenangriff, einen von einer verbündeten Gruppe abgefeuerten Raketenangriff oder eine außerhalb des Verhandlungstisches getroffene politische Entscheidung zum Scheitern gebracht werden kann.
Eine weitere Schwäche des Memorandums war das Fehlen internationaler Garantien.
Die Abkommen, die in der Geschichte Bestand hatten, beruhten nicht allein auf dem politischen Willen der Staats- und Regierungschefs. Sie verfügten über Überwachungsmechanismen, Kontrollinstitutionen, internationale Garantiegeber und klare Verfahren für das Krisenmanagement. Fehlen diese, ist das Abkommen vom jeweiligen politischen Klima abhängig. Und das politische Klima ändert sich viel schneller als diplomatische Texte.
Für Europa ist das Scheitern des Memorandums ein Weckruf. Der Kontinent bleibt für die Energieversorgung, die maritime Sicherheit und die Kontrolle der Migrationsströme auf die Stabilität des Nahen Ostens angewiesen. Jede Krise in Hormus wirkt sich nahezu unmittelbar auf die Märkte und die europäische Wirtschaft aus. Daher hat Brüssel ein vitales Interesse daran, dass die Diplomatie der Eskalationslogik vorgeht.
Diplomatie lässt sich nicht auf einen rein transaktionalen Prozess reduzieren. Internationale Abkommen funktionieren nicht allein deshalb, weil die Parteien wirtschaftliche Interessen verfolgen. Sie funktionieren, wenn sie Vertrauen schaffen, Garantien bieten und die Ursachen von Konflikten angehen, nicht nur deren Folgen.
Wenn das Memorandum nach dem ersten Militärschlag scheitert, liegt das Problem nicht nur bei demjenigen, der gegen das Abkommen verstößt. Das Problem liegt in der gesamten Struktur des Abkommens.
Und genau hier liegt das Scheitern der „Wirtschaftsdiplomatie“. Sie geht davon aus, dass Staaten sich wie Unternehmen verhalten. Doch die Geschichte zeigt, dass Staaten sich wie politische Mächte verhalten, geleitet von historischer Erinnerung, Identität, Bedrohungswahrnehmung und dem Bestreben, Prestige zu wahren.
Diese Probleme lassen sich nicht anhand von Finanzbilanzen erfassen und nicht durch die Logik eines Handelsvertrags lösen.
Die heutigen Bombenanschläge markieren nicht nur das Scheitern eines Memorandums. Sie markieren das Ende der Illusion, Frieden könne durch Druck erzwungen werden. Die Geschichte der Diplomatie hat immer wieder gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: Ohne Vertrauen gibt es keine dauerhaften Abkommen, und ohne dauerhafte Abkommen gibt es keinen Frieden. / Broschüre
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