Während er täglich die Zusammenarbeit mit Israel stärkt und am Vortag ein geheimnisvolles Treffen mit Vertretern Kurdistans hatte, reist Rama heute nach Ankara, wo er im Rahmen des NATO-Gipfels mit Erdogan zusammentreffen wird.
In der Diplomatie sind Machtgleichgewichte ebenso wichtig wie Bündnisse. Doch im Fall von Edi Rama entsteht in den letzten Tagen der Eindruck, er verfolge mehrere Ziele gleichzeitig.
Einerseits hat der albanische Ministerpräsident beschlossen, die Beziehungen zu Israel zu vertiefen. Der Besuch in Tel Aviv, das Treffen mit Benjamin Netanjahu und die Ankündigungen einer verstärkten Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich, einschließlich des Projekts zur Errichtung einer Spezialkräfteschule mit israelischer Expertise, haben in regierungsnahen Medien heftige Reaktionen hervorgerufen.
Nur einen Tag vor seiner Abreise nach Ankara empfing Rama im Amtssitz des Premierministers eine hochrangige Delegation der Autonomen Region Kurdistan im Irak unter der Leitung von Vizepremierminister Qubad Talabani. Offiziell wurde das Treffen als Schritt zur Zusammenarbeit in den Bereichen Technologie, Tourismus und Investitionen dargestellt. Der Zeitpunkt des Besuchs blieb jedoch nicht unbemerkt, da die Kurdenfrage für Ankara nach wie vor eines der heikelsten Themen ist.
Rama befindet sich heute und morgen in Ankara zum NATO-Gipfel. Laut offizieller Mitteilung des Ministerpräsidentenamtes wird er an den Gipfelverhandlungen teilnehmen und sich mit NATO-Generalsekretär Mark Rutte treffen. Morgen steht außerdem ein bilaterales Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf dem Programm.
Dieses Treffen dürfte jedoch der wichtigste politische Moment des Besuchs sein.
Seit Wochen haben die regierungsnahen türkischen Medien ihren Ton gegenüber dem albanischen Ministerpräsidenten deutlich verändert. Zeitungen wie Hürriyet und Daily Sabah veröffentlichten kritische Artikel, in denen sie die Annäherung Tiranas an Israel mit den politischen Entwicklungen in Albanien in Verbindung brachten und Fragen zur Ausrichtung der albanischen Außenpolitik aufwarfen. Einige von ihnen kritisierten auch offen die militärischen Kooperationsprojekte zwischen Albanien und Israel.
Vor diesem Hintergrund wird der Besuch in Ankara auch als Versuch gewertet, das Gleichgewicht mit einem der wichtigsten Partner Albaniens in der Region zu wahren. Die persönliche Beziehung zwischen Rama und Erdoğan war jahrelang eine der Säulen der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern, doch die jüngsten Entwicklungen haben das Klima im Vergleich zu früher deutlich abgekühlt.
In der internationalen Politik haben Signale oft mehr Gewicht als offizielle Erklärungen. Und die Signale der letzten Tage waren zahlreich: ein Albanien, das sich Israel zunehmend annähert, ein Treffen mit den Führern der Region Kurdistan am Vorabend einer Reise in die Türkei und unmittelbar danach eine diplomatische Auseinandersetzung mit Erdoğan in Ankara.
Offiziell steht beim NATO-Gipfel die euro-atlantische Sicherheit und die Herausforderungen des Bündnisses im Mittelpunkt. Für Edi Rama dürfte die Aufmerksamkeit jedoch vor allem auf den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen beim Treffen mit dem türkischen Präsidenten liegen. Denn dort wird sich zeigen, ob es dem albanischen Ministerpräsidenten gelingt, das Gleichgewicht unter seinen Verbündeten zu wahren, oder ob das Spiel mit den vielen Türen zunehmend schwieriger wird. / Broschüre
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